Endlich war er hinter das Geheimnis des Feuerelchs gekommen, der grausamen Waffe, die Professor Schwarzbrot auf seine Feinde hetzte. Feuerzeugbenzin. Harry hatte Dutzende der kleinen Blechflaschen in Professor Schwarzbrots Spind im Lehrerzimmer entdeckt. Keine Zauberei, nur Taschenspielertricks. Er erinnerte sich, als sie den Feuerelch das erste Mal vorgeführt bekamen.
Das ängstliche Tier wurde auf den Schulhof geführt. Professor Schwarzbrot murmelte ein paar “geheime” Zaubersprüche, machte ein paar dramatische Handbewegungen, während er langsam um den Elch herumging. Zweifelsohne bespritze er während dieser “Zaubergesten” den Elch mit dem Feuerzeugbenzin. Die weiten Ärmel seines Gewandes boten mehr als genug Platz für ein Dutzend dieser Flaschen. Und dann der dramatische Abschluß. Die Stimme des Professors wurde lauter, als er die letzten Sprüche murmelte, es klang wie “ay, caramba!” oder so ähnlich, als er mit einer letzten Geste das Tier berührte. Es ertönte ein leises Klicken, wie von einem Grillanzünder, und der Elch stand lichterloh in Flammen und lief, erschrocken röhrend, auf die Gruppe Zauberschüler zu, die, ebenso erschrocken röhrend, flüchtete.
Das war Professor Schwarzbrots Waffe gegen seine Feinde. Allerdings nur gegen Feinde in der näheren Umgebung, da der Feuerelch naturgemäß keine große Reichweite hatte. Nach ein, zwei Minuten brach das Tier auf dem Hof zusammen und kokelte langsam vor sich hin. Ein paar Streber, unter ihnen natürlich auch Harry, versuchten einen schnellen Regenzauber, um den Schwelbrand zu löschen, waren aber nicht schnell genug. Kassandra hatte schon einen Eimer Wasser aus dem Wunschbrunnen gezogen und ihn über die Reste des Elches gekippt. Alles in allem ein sehr unterhaltsamer Tag. Alle waren von Professor Schwarzbrots Zauberspruch beeindruckt gewesen, genau wie von dem hervorragenden Geschmack der Elchsteaks, die es an diesem Abend in der Schulkantine gegeben hatte.
An diesen Tag dachte er, während er dem Professor heimlich in die Berge folgte, bis zu dessen geheimer Höhle, von der aus er die Weltherrschaft erlangen wollte. Aber Harry würde dem teuflischen Treiben ein Ende bereiten, das war er seinem Ruf als Oberstreber schuldig. Damit hätte er die Wahl zum Zauberschulsprecher schon so gut wie in der Tasche.
Er versteckte sich hinter einem Felsen, während Professor Schwarzbrot ein paar Lampen anzündete. Er benutzte nicht einmal Zaubersprüche, sondern wieder einmal den Grillanzünder aus seinem Ärmel. Auf einem alten Tisch an einer Wand der Höhle lagen ein paar sehr alte Bücher, in denen der Professor nun blätterte. Er murmelte wieder etwas vor sich hin. Seine Selbstgespräche waren seine schwache Stelle. Harry schlich vorsichtig näher, um zu verstehen, was der Professor murmelte. Doch er war etwas zu aufgeregt und mußte plötzlich pupsen. Der Professor wirbelte herum.
Harry richtete sich mutig auf und ging in die Offensive.
“Hier ist also Euer geheimes Versteck, von dem aus Ihr die Weltherrschaft erlangen wollt. Ha! Aber da habt Ihr die Rechnung ohne mich gemacht, ich werde das niemals zulassen! Ihr habt keine wirkliche Macht, nicht einmal Euer Feuerelch ist wahre Zauberei. Ich hingegen, ich bin der Auserwählte. Meine Macht ist größer als die jedes anderen Zauberers. Erzittert, Professor Schwarzbrot, denn vor Euch steht die Gerechtigkeit, in meiner Gestalt, des Auserwählten, Harry Popper!”
“Oh, seht mich an, ich bin der Auserwählte! Ich bin ja so toll!“, äffte der Professor ihn nach. “Vorlaute Göre”, sagte er dann und verwandelte Harry in eine Kröte.
Das war eine überraschende Wendung der Ereignisse, die Harry nicht vorhergesehen hatte.
Da hockte er nun. Und jetzt? Er brauchte ein paar Sekunden, um sich in dem neuen Körper zurechtzufinden, und machte eine beschämende Entdeckung: Er war in ein weibliches Tier verwandelt worden! Er verrenkte seinen plumpen Krötenkopf, um zwischen seine Stummelbeine zu spähen.
Das durfte nie jemand erfahren! Er war schon vorher von der Natur nicht geradezu übermäßig ausgestattet worden, und das war noch beschönigend ausgedrückt. Jedesmal, wenn er nach dem Quietschquietsch- Sportunterricht mit den anderen Jungs duschen mußte, machten sie sich über ihn und sein “Zauberstreichholz” lustig. Er wagte gar nicht, sich ihre Hänseleien vorzustellen, wenn er beim Duschen einmal keine Erektion hätte - im Normalzustand war sein Anhängsel nämlich noch kleiner.
Dabei hatte er schon alles mögliche probiert, um das Teilchen größerzuzaubern. Er hatte einen Gurkenfluch benutzt, aber davon war “er” nur eine Woche lang grün gewesen. Ein Pferdeschwanz-Zauberspruch hatte lediglich dazu geführt, daß seine Schamhaare über Nacht zu einem Pferdeschweif wurden, der ihm bis unter die Knie reichte. Da hatte er sich etwas anderes drunter vorgestellt, aber zumindest konnte niemand für ein paar Tage unter all den Haaren die Größe seines Dings beurteilen. Irgendwann hatte er es dann aufgegeben.
Aber nun war da gar nichts mehr! Zwischen seinen grünen, warzigen Schenkelchen war nur noch so ein… so ein Mädchendings! Er war wütend, sehr wütend. Seine Miene verfinsterte sich.
Dann erinnerte er sich daran, daß Kröten eigentlich kaum Gesichtsmuskeln hatten, die es ihnen ermöglichten, einen finsteren Ausdruck aufzusetzen. Er sah auf. Aha. Seine Miene hatte sich verfinstert, weil der Schatten des Professors auf sie fiel. Er war nähergekommen und blickte grinsend auf die Amphibie herab. Harry kochte vor Wut.
Dieser verfluchte Professor Schwarzbrot würde dafür bezahlen. Kröte hin oder her, er war immer noch Harry Popper, der Auserwählte, und er würde den geheimen Zauberspruch, der seit Jahrhunderten in seiner Familie weitergereicht wurde, nun benutzen. Er war so mächtig, daß kein Zauberer der Welt etwas gegen ihn ausrichten konnte. Dieser Spruch war es, der die Poplers praktisch unbesiegbar machte, und Harry kannte jede Silbe, jede kleine Betonung, die beachtet werden mußte, und nun würde er Professor Schwarzbrot damit vernichten. Der Anfang des Spruches hallte in Harrys Kopf und erfüllte ihn mit hämischer Vorfreude. “Klatu verata nectu….”, dachte Harry und öffnete den Mund.
“Quak”, sagte er.
“Ach, halt's Maul”, erwiderte Professor Schwarzbrot und zermalmte die Kröte unter seinem schweren Stiefel.
Es gab ein ekliges, schmatzendes Geräusch, und kleine Kröteneingeweide quollen unter seinem Absatz hervor. Trotzdem drehte der Professor den Fuß noch ein paarmal auf der Stelle, wo sein Erzfeind gehockt hatte, als würde er eine Kippe austreten. Dann besah er sich kurz die Schweinerei. Er seufzte. Krötenblut ging aus diesem Steinboden nur sehr schwer wieder raus. Vielleicht würde er später einen kleinen Teppichläufer über die Stelle legen. Er könnte sich einen zaubern, oder einen kaufen, oder selber knüpfen, das war schließlich sein zweites Hauptfach an der Zauberuniversität gewesen. Aber er würde ihn stehlen. Und zwar aus der Bibliothek der Zauberschule, da gab es ein hübsches Exemplar. Sein teuflisches Lachen erfüllte die Höhle.
“Heute ein Läufer, und morgen die ganze Welt!”, schrie er.
Epilog
Natürlich hat Professor Schwarzbrot die Weltherrschaft nicht erlangt, davon hätten wir gehört. Er wurde beim Stehlen des Läufers erwischt und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt (in England wird Teppichdiebstahl hart bestraft). Im Knast erlebte er eine Neugestaltung seiner sexuellen Orientierung, und nach seiner Freilassung tourte er als Roady der “Village People Revival Band” durch die Schwulenszene der USA. Nach einem Konzert im Weißen Haus bekam er Streit mit seinem Verlobten, einem Maskenbildner der Band, und beide bewarfen sich mit Wattebäuschchen, bis sie tot waren.
ENDE