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Die böse Hexe Alaine Drucken E-Mail
Geschrieben von Saven van Dorf   
Freitag, 15. September 2006

 

Es war einmal eine böse Hexe, und ihr Name war Alaine. Sie wohnte weit draußen im Märchenwald, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagten und auch sonst recht wunderliche Dinge geschahen. Die Tiere dort konnten zum Beispiel sprechen - was sie allerdings nicht davor bewahrte, ab und zu mal als Schnitzel auf dem Teller zu landen.
Alaine war in dieser Gegend recht bekannt und unglaublich gefürchtet. Sie konnte sehr aufbrausend sein und drosch dann regelmäßig mit ihrem Wischmopp auf die armen Leute ein, die das Pech hatten, sich in ihrer Nähe zu befinden. Die meiste Zeit war sie so sauer wie die Zitronenbrause, die sie literweise in sich reinschüttete.

Eines Tages wollte Alaine nach Wanne-Eickel, weil sie dort einen Schrumpfkopf abholen wollte, den sie bei eBay ersteigert hatte. Die Deutsche Post AG lieferte jedoch nicht in den Märchenwald, weil ihre Postboten dort mit schöner Regelmäßigkeit von den tollwütigen Säbelzahneichhörnchen gefressen wurden. Also musste die Hexe selber auf ihren Wischmopp steigen und durch die Lüfte zischen. Wie ihr schon gemerkt habt, war Alaine eine sehr moderne Hexe, sie war ja auch noch jung, keine 230 Jahre alt, deshalb benutzte sie auch Computer und einen unverwüstlichen Kunststoffmopp statt eines Reisigbesens. Außerdem zog sie auch oft eine Jeans an, was jedoch nicht nur eine Modefrage war, sondern auch praktischen Nutzen hatte. Seit der Flugverkehr in den letzten hundert Jahren ein wenig zugenommen hatte, flog sie nicht mehr gerne in großen Höhen, wo die Piloten in den Verkehrsflugzeugen immer panisch wurden, wenn sie sie sahen. Früher oder später tauchten dann immer Kampfjets auf, die sie mit wilden Manövern abhängen musste, was ihre Frisur meistens ziemlich durcheinanderbrachte. Also flog sie dicht über dem Boden. Dort konnten ihr die Leute jedoch unter den Rock gucken, und deshalb trug sie lieber Jeans.

Sie war also gerade schön unterwegs, flog über Wälder und Wiesen, und machte sich einen Spaß daraus, den Leuten auf die Köpfe zu spucken, wenn sie welche sah, als ihr einfiel, dass sie sich vor dem Abflug gar nicht geschminkt hatte! Schnell kramte sie in ihrer Handtasche nach dem Notfall-Schminketui. Sie betrachtete sich in dem kleinen Taschenspiegel und stellte grimmig fest, dass ihre Befürchtungen gerechtfertigt waren: Sie sah viel zu nett aus. Schnell drückte sie sich drei künstliche Warzen auf Nase und Stirn, klebte sich einen buschigen Damenbart an und schmierte sich gelbschwarze Paste auf die Zähne.
Kritisch besah sie sich das Ergebnis im Spiegel und war zufrieden. So würde sie wesentlich mehr Angst und Schrecken verbreiten als ungeschminkt.
Sie verstaute die Sachen wieder in ihrer Handtasche und richtete fröhlich falsch pfeifend ihren Blick nach vorne.
“Aaaaaaaaaaah!!”, schrie sie, und brezelte mit voller Wucht gegen einen Baum.
Sie hatte während der Verunschönerung ihrer Erscheinung nicht bemerkt, dass sie an Höhe verloren hatte und geradewegs auf einen Wald zuraste, und das Letzte, was sie sah, war das erschrockene Gesicht eines Borkenkäfers, der genauso entsetzt guckte wie sie selbst.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie in einem großen weißen Bett in einem großen weißen Raum. Sie blinzelte ein paarmal im hellen Licht der Deckenleuchten.
Aha, dachte sie. Ich bin in einem, so einem Dings, äh …
“He! Heda!”, schrie sie zu einem alten Mann rüber, der in einem Bett ein paar Meter neben ihrem lag, und warf ihm eine leere Blumenvase an den Kopf, die auf dem Tisch neben ihrem Bett gestanden hatte.
“Aua”, weinte der Mann, “was denn?”
“Wo bin ich hier, du Sack?”
“Im Krankenhaus von Wanne-Eickel”, erwiderte der Alte ängstlich und drückte hektisch auf einem Knopf an seinem Bett herum.
“Was machst du da? Lass das! Das nervt!”, keifte sie, doch schon ging die Tür des Zimmers auf und ein junger Mann im weißen Kittel kam herein.
“Ah, Sie sind wach!”, rief er erfreut und trat an ihr Bett.
“Warum tut mein Kopf weh?”, fauchte sie ihn an.
“Hm, nun ja, Sie hatten offenbar eine Art Unfall oder sowas. Irgendjemand hatte einen Krankenwagen gerufen, und man fand sie an einem Waldrand, mit einer schweren Gehirnschüttelung und einem Borkenkäfer im linken Auge. He, nicht dran reiben!”
“Juckt aber!”
“Das wird schon wieder. Erinnern sie sich, warum sie das Bewusstsein verloren haben? So wie wir den Hergang bisher konstruiert haben, sind sie mit mindestens 60 km/h gegen einen Baum gelaufen, was uns aber zweifelhaft erscheint …”
“Keine Ahnung.”
“Hm, soso. Naja, fürs Erste bräuchten wir mal ihren Namen. Ihre Handtasche haben wir neben Ihnen gefunden, allerdings völlig leer. Wer immer den Krankenwagen gerufen hat, hat sie wohl auch beraubt.”
“Waaas?! Frechheit!”, kreischte sie, “Rache! Raaaaacheeeee!”, und schüttelte drohend ihre Faust in den Raum hinein.
“Ja, da können Sie dann nachher noch Anzeige erstatten. Aber zuerst brauchen wir ein paar Angaben. Wie heißen Sie?”
Alaine glotzte ihn giftig an, dann runzelte sie die Stirn und schließlich wurde ihr Blick ratlos. “Öhm. Ich weiß nicht?”
“Das hatte ich befürchtet. Bei einer so schweren Gehirnschüttelung kommt es manchmal zu Gedächtnisverlust.”
“Oh nein, erst die Handtasche und jetzt auch noch sowas.”
“Ach, keine Sorge, manchmal reicht da ja schon ein kleiner Anlass, und schon ist die Erinnerung wieder da. Und wissen Sie was? Ich habe eine gute Nachricht. Wir haben vielleicht einen solchen Anlasser.”
“Her damit!”
“Sekunde.” Der Arzt ging zu einem Schrank gegenüber vom Bett, holte den Wischmopp heraus und reichte ihn ihr.
“Das haben wir neben ihnen gefunden. Sind Sie vielleicht eine Putzfrau?”
“Ich weiß nicht … vielleicht …”, erwiderte Alaine hilflos und betastete den Mopp vorsichtig.
“Wir glauben, dass Sie ihren Namen draufgeschrieben haben. Dort an der Seite.”
“Vileda. Was für ein blöder Name. So will ich nicht heißen!”, weinte sie.
“Nein, dort, weiter unten.”
“Alaine.”
“Ist das ihr Name?”
“Pfff, kann sein. Weiß ich nicht. Aber ich erinnere mich dunkel, dass ich ziemlich mächtig und gefürchtet bin.”
“Aha. Soso. Ich glaube, Sie brauchen noch ein bisschen Ruhe.”
Damit ging er aus dem Zimmer und ließ eine grübelnde Alaine zurück, sowie einen zitternden alten Mann, der beschloss, dass seine Prostataoperation ruhig noch etwas warten konnte und sich am nächsten Tag nach Hause verabschiedete.

Während der nächsten Tage versuchte sie verzweifelt, herauszufinden, wer sie war. Sie spürte, dass eine Aura des Übernatürlichen sie umgab, und sie erinnerte sich an die Furcht, die sie in den Herzen der Menschen hervorgerufen hatte.
Und eines Nachts, als sie einen Horrorfilm mit Zombies sah, wusste sie plötzlich, wer sie war. So musste es sein!
Nun ergab alles einen Sinn. Deshalb hatte sie das Gefühl, kein Mensch zu sein, und deshalb hatten sich immer alle vor ihr gefürchtet. Beruhigt schlief sie ein.

Am nächsten Morgen wurde sie wie schon in den Tagen davor von der Schwester geweckt, die ihr ein Frühstückstablett ans Bett stellte.
“Ich will kein Müsli!”, rief Alaine. “Ich will Menschenfleisch!”
Die Schwester glotzte sie an und machte einen zögerlichen Schritt zurück.
“Oooookayyyyyy…. Ich, äh, sag in der Küche Bescheid.” Sie tastete sich rückwärts zur Tür vor, ohne Alaine aus den Augen zu lassen, die die Bettdecke wegstrampelte und auf den Linoleumboden hopste.
“Ich bin ein Zombie!”, röchelte sie und streckte die Arme aus, wie sie es in dem Film letzte Nacht gesehen hatte. “Ein Zooooombiiiieeeee…!”
Sie versuchte, die Augen so zu verdrehen, dass man nur noch das Weiße sah, und stakste unbeholfen dorthin, wo sie die Schwester zuletzt gesehen hatte, stieß aber nur mit den ausgestreckten Armen an die Wand. Sie entdrehte ihre Augen und stellte fest, dass die Schwester schon geflohen war. Ha! Sie hatte recht gehabt! Sie war ein Zombie und verbreitete Angst und Schrecken!
Erfreut stakste sie durch die Tür und stapfte röchelnd den Flur entlang, was jedoch weniger Aufmerksamkeit erregte, als sie sich gewünscht hatte, denn eine Menge Patienten röchelten und stolperten unbeholfen durch die Gänge.
“Ich bin eine Untote! Ihr seid alle verdammt!”, stöhnte sie, so laut sie konnte.
An der Ecke des Ganges tauchte der Arzt auf. Sie wollte einen guten Eindruck auf ihn machen und versuchte wieder, die Augen furchterregend zu verdrehen.
“Fräulein Alaine, was machen Sie denn hier?”
“Menschenfleisch … ich brauche Menschenfleisch …”, röchelte sie ein wenig unsicher.
“Aha. Und wieso?”
“Ich bin ein Zombie.” Sie gab das Augenverdrehen auf, vor allem, weil ihr linkes, borkenkäfergeschädigtes Auge langsam ziemlich wehtat.
“Sie sind kein Zombie.”
“Aber wieso denn nicht?” Ihre Arme begannen, leicht zu zittern. Hm. Offenbar war sie es nicht gewohnt, mit ausgestreckten Armen durch die Gegend zu laufen …
“Haben Sie wirklich Appetit auf Menschenfleisch?” Er krempelte seinen Ärmel hoch und hielt ihr seinen Unterarm hin. Er roch irgendwie gut, aber sie traute sich nicht, reinzubeißen.
“Oder möchten Sie doch lieber eine leckere Portion Müsli? Oder vielleicht ein Nutellabrötchen?”
Sie ließ die Arme sinken. Ein Nutellabrötchen wäre jetzt echt lecker, dachte sie. Aber die Zombies im Film gestern hatten sowas nicht gegessen.
“Vielleicht bin ich ja doch kein Zombie”, gab sie kleinlaut zu und drückte sich an den wohlriechenden Doktor, der sie zurück auf ihr Zimmer führte.

Zwei Tage später stand der Arzt morgens vor ihrem Bett und betrachtete das zusammengerollte Etwas, das sich unter der Bettdecke abzeichnete.
“Jetzt kommen Sie schon raus da!”, forderte er sie sanft auf.
“Nix da!”, erklang Alaines gedämpfte Stimme. “Erst müssen Sie die Vorhänge wieder zuziehen!”
Seufzend trat er ans Fenster. Die Schwester hatte ihm berichtet, dass Alaine heute Morgen ein erschrecktes Quieken von sich gegeben hatte und sich seitdem weigerte, unter der Bettdecke hervorzukommen. Er zog die Vorhänge zu und drehte sich um. Das Nächste, was er sah, war ein dunkler Schatten, der ihn ansprang und zu Boden warf.
“Ähm, Fräulein Alaine… was … was machen Sie da?”
“Schlrrrmp”, machte Alaine, während sie weiter an seinem Hals lutschte.
“Ach herrje. Hihi … he … aufhören, das kitzelt!”
Mühsam drückte er sie von sich weg.
“Ich mache Sie zu einem von uns! Zu einem Vampir!”, fauchte sie.
“Sie machen mir höchstens einen Knutschfleck!”
“Widerstand ist zwecklos, ich habe übermenschliche Kräfte!”
“Ja, ich merk das schon …”
Es kostete ihn wirklich ein wenig Mühe, sie sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Hals zu halten. Irgendwie hatte die Situation, ihre Nähe etwas Erotisches, und ihm kam eine Idee.
“Ähm, wissen Sie, die Legenden über Vampire stimmen nicht ganz – die Wahrheit war ein wenig zu schockierend für die Leute früher. In Wirklichkeit haben Vampire nämlich gar nicht am Hals gesaugt, sondern woanders.”
Alaine hielt inne.
“Nicht am Hals? Aber wo denn dann?”, fragte sie schüchtern.
“Moment, ich zeig es Ihnen. Vielleicht sind sie ja wirklich ein Vampir, einen Versuch ist es wert. Rutschen Sie mal etwas weiter runter … ich mach dann schon mal den Reißverschluss auf …”
Nach ein paar Minuten war Alaine hocherfreut, endlich ihre wahre Identität gefunden zu haben, doch der Arzt musste sie enttäuschen. Es war kein Blut, was sie in ihrem Mund gespürt und begierig geschluckt hatte.
Außerdem mochte sie eigentlich das Gefühl von Sonnenlicht auf ihrer Haut. Also ließ sie zu, dass die Vorhänge wieder geöffnet wurden, und überlegte im Hellen weiter, wer oder was sie war.

Nach ein paar weiteren Filmen und einem Blick in den Kalender hatte sie eine neue heiße Spur.
“Na, wie geht es meiner Lieblingspatientin heute?”, fragte der Doktor gutgelaunt, als er ihr Zimmer betrat.
Alaine packte ihn am Kragen und schüttelte ihn. “Sie müssen mir helfen! Heute Nacht ist es soweit!”
“Öh, was denn? Was ist soweit? Was ist denn heute Nacht?”
“Vollmond!”, jaulte sie. “Heute Nacht verwandle ich mich in einen Werwolf!”
“Sind Sie sicher? Wollen Sie es nicht lieber nochmal als Vampir versuchen?”
“Nein, ich bin doch nicht blöd!”
Der Arzt seufzte. “Na, also schön. Und wie kann ich Ihnen dann helfen?”
“Sie müssen mich an einen sicheren Ort bringen und dort fesseln, so dass ich keinen Schaden anrichten kann!”
“Haben Sie das auch wieder in einem Film gesehen? Obwohl, Sie könnten recht haben … Es ist schon Nachmittag! Kommen Sie. Ich mache heute früher Schluss und bringe Sie in Sicherheit.”

Zwei Stunden später lag sie in seinem Schlafzimmer, ans Bett gefesselt.
“Und sie meinen, dass das Bett es aushält, wenn ich mich verwandle?”
“Bestimmt.”
“Und es ist wirklich nötig, dass ich nackt bin?”
“Aber sicher! Wir müssen doch sofort sehen, wenn irgendwo an Ihrem Körper Haare zu sprießen beginnen!”
“Stimmt, das macht Sinn.”
“Sag ich doch. Damit ich das noch besser feststellen kann, werd ich Sie jetzt noch überall rasieren und mit Bodylotion einreiben.”
Und obwohl sie sich nicht in einen Werwolf verwandelte, wurde es doch noch ein sehr schöner Abend.

Hier endet unser kleines Märchen. Die beiden haben geheiratet und treiben weiterhin munter ihre Doktorspielchen. Alaine ist sehr glücklich und hat, wenn auch nicht ihre alte, so doch eine neue Identität gefunden, die ihr sehr gut gefällt. Sie ist mittlerweile zur Leiterin des Finanzamtes Wanne-Eickel Süd aufgestiegen und in dieser Funktion so gefürchtet und verhasst wie nie zuvor in ihrem Leben.

 

ENDE

 

 
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