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Weißes Gold Drucken E-Mail
Geschrieben von Saven van Dorf   
Mittwoch, 4. Juli 2007
Weißes Gold


Es war eine sternenklare Nacht, in der sie auf der Lauer lagen. Peter rückte zum wiederholten Male sein Schwert zurecht. Dann hauchte er in seine frierenden Hände. Das Grün seiner Kleidung tarnte ihn, dort am Rande des Nadelwaldes, aber der Stoff war viel zu kurz und zu verschlissen, um ihm viel Wärme zu geben. Wenigstens hatte er einen Hut auf.

„Und ihr seid ganz sicher, dass er hier eine Zwischenlandung macht?"

Die beiden Polizisten, die genau wie er selbst hinter einem umgestürzten Baumstamm im Schnee hockten, nickten eifrig. „Ganz sicher. Unser Informant ist ein Insider."

Peter hätte sich gewünscht, dass sie den berüchtigten, geheimnisvollen Elfenbeinschmuggler irgendwo anders verhaften könnten. Jetzt, da sie wussten, wer er war, gab es buchstäblich Millionen warme, kuschelige Plätze, an denen sie ihm auflauern konnten. Theoretisch. Praktisch jedoch hatte er während seiner Geschäftsreisen diplomatische Immunität. Und in seiner Heimat hatten sie keine Befehlsgewalt. Aber sie hatten diese eine Möglichkeit. Sie hatten diese verschlafene Lichtung, auf der er jedesmal eine Art traditionelle Pinkelpause einlegte. Sofern ihr Informant die Wahrheit gesagt hatte.

„Seid ihr beim FBI eigentlich sauer?", fragte Pernhard.

„Weshalb?"

„Weil ihr seit Jahren an dem Fall arbeitet, aber der entscheidende Hinweis durch uns kam, die wahrlich niedersten Ränge der Polizei."

Peter musterte die kleine graue Maus aufmerksam, die schnuppernd ihre Nase in die kalte Winterluft hob. Die winzigen, schwarzen Knopfaugen gaben keine Emotionen preis. Unmöglich zu sagen, ob Stolz oder Sarkasmus in dem Piepsstimmchen mitschwangen.

„Wir arbeiten immer gerne mit der Mäusepolizei zusammen. Und es wird Zeit, dass diese Gräuel ein Ende haben, egal, durch wen ihm letztendlich das Handwerk gelegt wird. Jahrelanger Elfenbeinschmuggel, der illegale Handel, die Verarbeitung zu Potenzmitteln – abscheulich." Vor allem, weil das Zeug überhaupt keine Auswirkung auf die Potenz hatte, wie Peter selbst vor einiger Zeit enttäuscht festgestellt hatte. Als Spezialagent des FBI erhielt er natürlich Zugang zu den beschlagnahmten Beweismitteln.

„Pst! Ich glaube, er kommt!" Piancas große Ohren zitterten nervös.

Sie drückten sich hinter dem Baumstamm so tief wie möglich in die Schneedecke. Atemlose Stille. Dann, ganz leise, ein Bimmeln – und urplötzlich brauste ein riesiger dunkler Schemen über die Baumwipfel hinweg, beschrieb einen weiten Bogen und schoss dann auf die Lichtung hinab wie ein Meteorit.

„Er ist es! Zugriff! Zugriff!", piepste Pernhard, aber Peter hielt ihm mit einem Finger den Mund zu.

„Leise! Sonst startet er durch, und alle Arbeit war umsonst!" Er spähte über den Rand des Baumstammes und sah zu, wie der Schlitten mit kreischenden Bremsen zum Stillstand kam. Eigentlich waren es keine Bremsen im herkömmlichen Sinne, die kreischten, sondern die Rentiere, die sich in den Schnee stemmten und die der Schlitten vor sich herschob, bis er zum Stillstand kam.

Ein stöhnendes, jammerndes Knäuel Rentiere lag vor dem Schlitten, auf dem sich eine große, dunkle Silhouette unheilverkündend vor dem Vollmond abhob. Dann sprang der Schlittenführer in den Schnee, stapfte ein paar Schritte zur Seite und begann, in den Weiten seiner Hose herumzukramen, um seine Notdurft zu verrichten.

Der Schnee färbte sich gelb.

Das war der Moment.

„Keine Bewegung! FBI!", schrie Peter und sprang aus seinem Versteck hervor. Mit wenigen, großen Schritten stand er vor dem Unhold, der erstaunt herumwirbelte. „Weihnachtsmann, Sie sind verhaftet! Packen Sie das Ding weg!"

„Ich muss aber mal", brummte der rot-weiß gekleidete Verbrecher und pinkelte weiter vor sich hin. Er musterte den Gesetzeshüter. „Soso, Sie sind also Spezialagent Peter Pan Tau vom FBI."

„Sie kennen mich?"

„Ich habe von Ihnen gehört. Es gibt nur einen, der mit so einem blöden Hut rumläuft." Er deutete mit der freien Hand auf Peters Melone, die tatsächlich nicht ganz zu seinem grünen Outfit passte. „Und da haben wir ja auch die Mäusepolizei." Pernhard und Pianca kamen auf ihren kleinen Pfoten durch den Schnee gehopst. „Sie wissen, dass sie mich nicht verhaften können?"

„Doch! Das da", Peter deutete auf das Genital des Weihnachtsmannes, „ist eindeutig privat. Immunität genießen Sie nur bei Ihrer offiziellen Tätigkeit."

„Sehr schlau", fauchte der Fettwanst. „Und darf ich fragen, was Sie mir vorwerfen?"

„Natürlich." Peter zerrte den großen Jutesack von der Ladefläche des Schlittens. „Elfenbeinschmuggel!", rief er angewidert und drehte den Sack um. Haufenweise abgetrennte Elfenbeine purzelten in den Schnee. Die zierlichen, bleichen Gliedmaßen verschmolzen farblich mit dem Schnee; deswegen nannte man sie in Verbrecherkreisen ja auch Weißes Gold.

„Das war eine Falle", stellte der Weihnachtsmann fest. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Es gibt einen Verräter unter uns." Er fixierte die Rentiere, die nervös mit den Hufen scharrten und versuchten, möglichst unschuldig dreinzuschauen, dann schoß sein feister Finger vor. „Rudolph!"

Das Rentier erbleichte kurz, dann trat ein Ausdruck verzweifelten Hasses in seine Augen. „Ja! Ich war's!", röhrte es. „Und ich würde es wieder tun! Immer werde ich schlimmer gepeitscht als die anderen, und ständig haust du mir auf die Nase, bis sie blutet!"

„Dafür wirst du bezahlen", sagte der dicke Geschenkebringer eiskalt, und wie hingezaubert lag plötzlich eine MAC 10 Maschinenpistole in seiner Hand. Ohne Vorwarnung eröffnete er das Feuer, und Rudolph brach von mehreren Schüssen getroffen zusammen.

„Er hat eine Waffe!", kreischte Pianca überflüssigerweise, während um sie herum heiße Patronenhülsen in den Schnee regneten.

Mit einer schnellen Bewegung riss Peter sein Schwert hervor, und mit einer geschickten Drehung schwang er die Klinge. Er traf den Weihnachtsmann zwischen dem zweiten und dritten Kinn; der Hals wurde sauber durchtrennt.

Der Schnee färbte sich rot.

*

Peter Pan Tau blickte nachdenklich vom Schlitten auf die unter ihm dahinfliegende Welt hinab. Von allen Dingen vermisste er das Fliegen am meisten. Früher hatte er selbst fliegen können, aber irgendwann hatte das nicht mehr geklappt, und das Jugendamt hatte ihn erwischt. Sie gaben ihn in die Obhut eines Kindermädchens, eine Mary So-und-so, und als er eines Tages endlich einen magischen Regenschirm auf dem Flohmarkt entdeckte, der ihn wieder fliegen lassen konnte, hatte eben dieses Kindermädchen ihm den Regenschirm gestohlen und flog auf und davon. Also wurde er Polizist, ging zum FBI, um das Miststück wiederzufinden, aber ohne Erfolg.

Dann erbte er von seinem verschollenen Opa in der Tschechei diese Melone mit angeblichen Zauberkräften. Allerdings hatte Peter noch nicht herausgefunden, wie der Hut funktionierte, trug ihn aber vorsichtshalber immer, in der Hoffnung, irgendwann hinter sein Geheimnis zu kommen.

*

Als sie bei der Werkstatt des Weihnachtsmannes am Nordpol ankamen, spähten sie durch ein Fenster. Es war ein deprimierender Anblick. Dutzende kleiner, trauriger Elfen, alle unten ohne. Sie hatten dem Weihnachtsmann früher immer geholfen, die Geschenke herzustellen; aber seit immer mehr Eltern die Geschenke für ihre Kinder selbst besorgten, hatten sie und ihr dicker Boß kaum noch etwas zu tun. Und Satan Claus, wie er hinter seinem Rücken genannt wurde, begann den lukrativen Handel mit Elfenbeinen. Unverdächtig flog er einmal im Jahr über alle Grenzen hinweg, mitsamt der grausigen Schmuggelware.

„Fröhliche Weihnachten, ho ho ho!", rief Peter, als er in die Werkstatt stürmte, und ein paar Elfen kippten vor Schreck aus ihren kleinen Rollstühlen. Im Handumdrehen waren die Elfenbeine wieder angenäht, und sie tanzten vergnügt um das Lagerfeuer, über dem Rudolph, der rotnasige Festtagsbraten, gegrillt wurde.

So hatten sie alle doch noch ein schönes Weihnachtsfest.

 

ENDE

 

 
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