Das Fröhliche Kleine Einhorn
Fröhlich tollte das kleine Einhorn durch den Wald. Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Sonne schien warm durch die Blätter der Bäume, in denen unzählige Vögel ihre Lieder erklingen ließen. Tief sog das Einhorn die Luft ein. So viele wunderbare Gerüche! Langsam trabte es einen kleinen Pfad entlang, der von vielen Tieren benutzt wurde, doch von denen war nichts zu sehen. Lange schon hatten sie das Einhorn gewittert und waren zurückgewichen. Das kleine Einhorn war gewohnt, nur aus der Ferne betrachtet zu werden, und war damit zufrieden. Gedankenverloren knabberte es an ein paar Blättern, bevor es dem Pfad weiter folgte. Schließlich kam es an einen kleinen See auf einer Lichtung im Wald. Hier stillte es seinen Durst.
Dakyra ließ ihren Blick schweifen, während ihre beiden Gefährten die Pferde wieder sattelten. Sie hatten auf ihrer Reise eine Rast gemacht. Akono, der ein ausgezeichneter Fährtensucher war, hatte ihre Gruppe zu diesem See mitten im Wald geführt, wo sie ihre Pferde tränken konnten. Dann sah sie etwas. Die junge Frau hielt den Atem an.
“Akono! Haram! Seht nur, dort drüben! Ein Einhorn!”, rief sie ihnen leise zu. Die Männer hielten inne und sahen auf.
Keine hundert Meter von ihnen entfernt war ein Einhorn an den See getreten. Es senkte den Kopf und trank etwas Wasser, dann richtete es sich auf und verharrte einen Moment. Sein schneeweißes Fell leuchtete in den Strahlen der Sonne, eine leichte Brise ließ seine seidige Mähne wehen, seine großen, dunklen Augen reflektierten den schimmernden See. Regungslos stand es so dort - bevor es mausetot zusammenbrach, getroffen von Harams Pfeil.
“Guter Schuß!”, lobte Dakyra. Auch Akono schlug Haram anerkennend auf die Schulter. Sie nahmen ihre Pferde und machten sich auf den Weg zu dem erlegten Einhorn.
“Diese Viecher sind echt überall. Und sie werden immer dreister”, sagte Akono, “Sie haben überhaupt keine Scheu mehr vor Menschen. Ziehen in riesigen Herden durchs Land und fressen die Äcker leer. Dieses Jahr ist es besonders schlimm, ich sage euch, in ein paar Wochen gibt es hier eine Hungersnot, wie vor drei Jahren in Takatukania.”
“Naja, deshalb sind wir ja hier. König Simsalabim wollte die besten Einhornjäger, und er bekommt die besten.” Haram biß wieder ein Stück von seiner Süßholzwurzel ab und kaute darauf herum.
“Bah, noch näher geh ich jetzt aber nicht ran!” Sie hielten an.
Einhörner rochen schon zu Lebzeiten äußerst streng und unangenehm, aber nachdem sie erlegt worden waren, wurde der Gestank unerträglich. Das Fleisch begann sofort, zu verfaulen. Angewidert betrachteten sie das tote Geschöpf.
“Ich denke, du bist so ein großer Held”, sagte Dakyra zu Haram.
“Auch Helden haben Nasen. Der Pfeil ist jetzt sowieso unbrauchbar.” Er sah sie anzüglich an. “Es sei denn, du willst das Horn!”
“Das ist ja viel zu klein! Ich hab doch meins, und das tut gute Dienste!”, lachte sie und klopfte auf ihre Satteltasche.
“Dakyra, du bist nun auch schon fast 24 Jahre alt, solltest du dir nicht bald einen echten Mann suchen?”
“Und dabei denkst du an dich?”
“Ich kann es mit deinem Horn jederzeit aufnehmen!”
“Hört, hört! Wenn du dich da mal nicht überschätzt, lieber Freund!”
“Du hättest dann zumindest die Hände frei.”
“Um was zu tun? Verspielt an den drei Haaren zupfen, die auf dem kargen Acker deiner Brust wachsen?”
“Das wird schon! Ich bin noch im Wachstum!”, sagte der neunzehnjährige Haram mit rotem Gesicht.
“Ich habe gehört, daß die Brusthaare sprießen, wenn man einen Liter Einhornblut trinkt”, warf Akono ein.
“Uuuäääh”, gaben alle drei gemeinsam von sich und lachten.
Dann machten sie sich wieder auf ihrem Weg zum Schloß, wo sie von König Simsalabim erwartet wurden. Viel Arbeit lag vor ihnen, und viele Tage lang würden Schwaden unerträglichen Gestanks über das Land ziehen.
Was sie nicht wußten: Noch bevor der Auftrag erledigt war, würde einer von ihnen die Wäscheklammer erfinden.
ENDE